400 Jahre bewegte Schulgeschichte


Als der Lehrer auch noch Totengräber war – in Neckartailfingen gab es die älteste Dorfschule im Landkreis

Altes SchulhausDer Stolz einer Gemeinde setzt sich wie ein Mosaik aus vielen Steinchen zusammen. Ein funkelndes Steinchen in diesem Mosaik von Neckartailfingen ist die Schule. In der Gemeinde gab es die erste Dorfschule im Altkreis Nürtingen. Schon 1541 ist von einem eigenen Schulhaus die Rede. Das Datum steht für eine in jenen frühen Tagen ungewöhnliche Bildungsbeflissenheit. Die Bauern benötigten damals ihre Kinder für die Arbeit auf dem Feld, Lesen und Schreiben wurde noch weithin als unnötiger Luxus betrachtet. Aufstiegschancen gab es ohnehin nicht. In der auf bizarre Weise verschnürten und verknoteten Gesellschaft jener Tage hatte gefälligst jeder an dem Platz zu bleiben, in den er hineingeboren war.

Als die Neckartailfinger Liebenauschule in den letzten Tagen vor den großen Ferien ihr 50-jähriges Bestehen feierte, gingen die Hinweise von Bürgermeister Jens Timm und Schulleiter Udo Hägele auf die so bemerkenswerte wie bewegte Schulgeschichte des Ortes fast unter im bunten Wirbel der Festivität. Es kann nicht nachdrücklich genug unterstrichen werden, dass Neckartailfingen schon über 100 Jahre vor der Einführung der Schulpflicht ein eigenes Schulhaus hatte. Es wurde nicht unterrichtet in irgendeiner trüben, leer geräumten Absteige, wie viel später noch in mancher Ortschaft, sondern in einem eigenen Gebäude.

Bares Geld auf den Tisch

Es bedarf keines Ausbundes an Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Neckartailfinger Bauern den Bindungswillen der Ortsobrigkeit mit sehr gemischten Gefühlen verfolgten. Sie mussten für den – vorerst nur im Winter stattfindenden – Schulbesuch sogar bares Geld auf den Tisch legen. Überhaupt genoss das noch junge Schulwesen kein besonderes Ansehen.

Auch ein Mäusefänger

Um die Zeit der ersten Erwähnung des Neckartailfinger Schulhauses war zum Beispiel in Nürtingen der Lehrer dem Amt nach dem städtischen Mäusefänger gleichgestellt. Von einer Lehrerausbildung konnte noch lange nicht die Rede sein. Ab 1700 unterrichtete in Neckartailfingen ein Hutmacher aus Kirchheim. Man nahm, wer zupass kam. Entsprechend sah der Unterricht aus. Die Fragen des Lehrers wurden unisono von der ganzen Klasse beantwortet. Nichts leichter, als sich zu drücken und mit leeren Mundbewegungen seine Unkenntnis zu tarnen. Ließ die Disziplin zu wünschen übrig, setzte es Prügel mit dem Knotenstock. Das Stillsitzen war ein Qualitätsmerkmal.

Der Dreißigjährige Krieg

Der Dreißigjährige Krieg fegte wie ein Wirbelsturm über das um 300 nach Christus angelegte alemannische Urdorf. Ein Fähnlein der Dragoner des kaiserlichen Obristen Walter Butler, der 1634 Nürtingen eingenommen hatte, plünderte das Dorf und steckte es in Brand. Von der ganzen Ortschaft blieben gerade mal fünf Gebäude übrig. Noch 1647, 13 Jahre später, lebten erst wieder neun Menschen in Neckartailfingen. Aber die Gemeinde blieb ihrer Schultradition treu. Schon 1649, ein Jahr nach dem Ende des großen Mordens, wurde das in Flammen aufgegangene Schulhaus wieder aufgebaut. Langsam und stockend lief der Schulbetrieb wieder an. Der Dreißigjährige Krieg hatte die Menschen verroht und gleichgültig gegenüber allen höheren Bestrebungen gemacht. Noch eine Generation später hieß es über die Bauern in Altdorf, deren Kinder ebenfalls von Neckartailfingen betreut wurden, dass sie lieber in der Kneipe dem Schnaps zusprachen, als ihren Kindern Papier, Feder und Tinte anzuschaffen.

1649 Schulpflicht eingeführt

Auf jeden Fall traf es die Gemeinde nicht unvorbereitet, als 1649 die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Allerdings brachte die Einführung einige Veränderungen mit sich, die sich grundsätzlich von der vorausgegangenen Regelung unterschieden. Hatte man vorher mit Rücksicht auf die Bauern, die meinten, auf ihre Kinder für die Feldarbeit nicht verzichten zu können, nur in der kalten Jahreszeit unterrichtet, so wurde nun auch im Sommer Schule gehalten. Jetzt war pro Kind ein Kreuzer Schulgeld zu entrichten. Es dauerte seine Zeit, bis sich die neue Regelung eingespielt hatte. Anfangs tauchte im Sommer nur knapp die Hälfte der Buben und Mädchen in der Schule auf. Die Kinder besuchten wie heute ab dem sechsten Lebensjahr die Schule. Die Schulzeit fand mit der Konfirmation ihr Ende. Die meisten Kinder dürften froh gewesen sein, die Schule hinter sich zu wissen. Der Unterricht war extrem langweilig. Er bestand im Wesentlichen aus Auswendiglernen, Antwortgeben und, dies vor allem, Stillsitzen.

„Problem der Mundart“

Ein Problem für sich war das Zurückdrängen der Mundart im Unterricht. Den Kindern sollte das Hochdeutsche nicht mehr als Fremdsprache im Ohr klingen. Noch 1816 hieß es zum Beispiel in einer Nürtinger Schule, dass es so nicht weitergehen könne mit dem ständigen „Noi jo“ oder „zwoi mol zwoi ischt viere“. Nur sehr langsam besserte sich die Bezahlung der Lehrer. Die weitaus meisten Schulmeister waren auf Nebeneinkünfte angewiesen. Noch in den Jahren nach den napoleonischen Kriegen hatte der Neckartailfinger Lehrer gleichzeitig als Mesner die Glocken zu läuten, er war Kantor, Organist, Hochzeitslader und sogar Totengräber. Für eine „Leiche mit Gesang“ erhielt er 30 Kreuzer, für eine „Kindsleiche ohne Gesang“ 15 Kreuzer. Der Lehrer hatte ein Alleskönner zu sein. Das von der Schulordnung vorgeschriebene Gehalt wurde nur in den wenigsten Fällen erreicht. Es war kein Geld unter den Leuten, viele Menschen versprachen sich bessere Lebensverhältnisse durchs Auswandern.

1845 Schule erweitert

Im Jahre 1845 musste in Neckartailfingen die Schule erweitert werden. Es war höchste Zeit. Zuletzt waren in einem einzigen Raum 165 Kinder gleichzeitig von zwei Lehrern unterrichtet worden. Ab 1853, mittlerweile hatte man die Schüler in Klassen aufgeteilt, gab es drei Lehrer an der Schule, den Schulmeister, einen Unterlehrer und einen Hilfslehrer. Bald wollte die Gemeinde höher hinaus. Eine eigene Realschule war das Ziel. Trotz anfänglicher Ablehnung durch das Nürtinger Oberamt gab die Gemeinde keine Ruhe, bis sie wenigstens eine einklassige Mittelschule erlaubt bekam, die dann bis 1906 existierte. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Unterricht modernere Formen an. Statt des gemeinsamen Antwortens waren nun die Schüler angehalten, durch Aufheben der Hände anzuzeigen, dass sie eine Antwort parat hatten. Eine 1865 eingerichtete Industrieschule für Mädchen zeigte an, dass sich die Fabriken, vor allem Textilfabriken, Zug um Zug über das Land ausbreiteten. Ein Strukturwandel größten Ausmaßes war im Gange.

Massive Zunahme der Schülerzahl

Eine massive Zunahme der Schülerzahl, bewirkt vor allem durch die Ansiedlung von Vertriebenen, kennzeichnete die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. 1949 beschloss die Gemeinde den Neubau einer Schule. Zuerst sollte das Gebäude bei der Kirche errichtet werden. Als aber schon die Fundamente durch wandernden Knollenmergel zerrissen wurden, wählte die Gemeinde das andere Neckarufer als Standort für den Neubau. 1954 konnte der Komplex, der 360 000 Mark gekostet hatte, seiner Bestimmung übergeben werden. Die folgenden Erweiterungen führten zu der schönen, ganz in Grün gebetteten Anlage, in der gegenwärtig von 24 Lehrern 310 Schüler unterrichtet werden. Aus der ältesten Dorfschule im Altkreis Nürtingen ist eine moderne, von viel Licht, Luft und Grün geprägte Bildungsstätte geworden. 1978 hat sie den schönen Namen Liebenauschule erhalten. Die Schule trägt damit den Namen der Burg weiter, die im Mittelalter unweit der heutigen Schule das Neckartal beherrschte.

Quelle: Nürtinger Zeitung