50 Jahre Liebenauschule


1954 als Junglehrer in Neckartailfingen – ein Beitrag von Horst Hommel

Lehrer HommelIch beginne mit einem Auszug aus dem Rechenschaftsbericht 1952/53 des Staatlichen Schulamts Nürtingen anläßlich der turnusmäßigen Schulprüfung. Geprüft wurde meine 3. Klasse (5. und 6. Schuljahr, untergebracht im alten Schulhaus am Schulberg im oberen Klassenzimmer).

Schülerzahlen:
5. Schuljahr: 11 Knaben 7 Mädchen = 18 Schüler
6. Schuljahr: 12 Knaben 16 Mädchen = 28 Schüler
insgesamt: 46 Schüler

Feststellungen des Staatlichen Schulamts:

  1. Allgemeine Gesichtspunkte: Keine
  2. Angabe der den Unterricht hemmenden Umstände:
    1. Allgemein schwache Begabung des 5. Schuljahrs
    2. Baulichkeit des Klassenzimmers:
      • Zu niedrige Decke – das Aufhängen einer Landkarte ist unmöglich.(Als Lehrer konnte ich die Zimmerdecke mit der flachen Hand erreichen).
      • Die Frischluft ist in kurzer Zeit verbraucht.
      • Die Fenster schließen schlecht – Durchzug bei windigem Wetter.(Winterhalbjahr: Fensterreihe mit Mantel, Ofennähe: Schwitzkur).
      • Anschauungs- und Versuchsmaterial für den wissenschaftlichen Unterricht fehlen ganz, mit Ausnahme einiger Bildreihen.

Anmerkung: Der Musikunterricht dagegen konnte mit viel Freude für die Kinder durchgeführt werden. Alljährlich wurden viele Volkslieder, meist mehrstimmig, gelernt.

Schlußbemerkung: Die Kinder sind wohlerzogen, sie betragen sich ordentlich und anständig. Schriften und Hefte befinden sich in guter Ordnung. Namentlich auf die Pflege der Schrift scheint großer Wert gelegt zu werden, was als besonders lobenswert angeführt sein soll. In allen Fächern wurden schöne Leistungen gezeigt, auch im Singen. Der Fehlerdurchschnitt von 2,95 % in dem während der Prüfung gemachten Diktat ist als gut zu bezeichnen.

Als Gesamturteil darf festgestellt werden:

Der Lehrer arbeitet fleißig und mit Geschick. Es darf angenommen werden, daß er die Fähigkeit dazu besitzt, ein wirklich tüchtiger Lehrer zu werden. Seine Arbeit verdient Lob und Anerkennung.

Anmerkung: Die äußeren Umstände, wie die Baulichkeit der Schule und der Klassenzimmer hatten einen geringen Einfluß auf die Leistungen der Schüler und der Lehrer. Die beiden Schulhäuser im Ortskern von Neckartailfingen waren nach dem Kriegsende zu klein geworden, denn die altmodischen Klassenräume platzten aus allen Nähten. Es war abzusehen, daß durch den Zuzug vieler Familien aus den Vertreibungsgebieten im Osten, die Schule mit einer zweiklassigen Grundschule (1/2 + 3/4) und einer Oberstufe (5/6 + 7/8) nicht mehr ausreichte und ein Neubau möglichst rasch geplant und gebaut werden musste.

Der damalige Gemeinderat unter Bürgermeister Pfeiffer entschloß sich für einen Bauplatz oberhalb der Martinskirche mit Blick auf das ganze Dorf. Der Baugrund erwies sich aber als nicht geeignet für das geplante Schulhaus für mindestens 8 Klassen mit allen Nebenräumen. Aus heutiger Sicht war dann der Beschluß, nicht in der Hanglage zu bauen, sondern im Tal, eine Jahrhundert-Idee. Heute wohnen die meisten Familien mit kleinen Kindern in der sogenannten Vorstadt und die Schule ist leichter zu erreichen, als durch die tägliche Besteigung des Schulberges.

In der alten Schule wurde während der Bauzeit an dem Programm für den Tag des Umzugs in die neue Schule gearbeitet. Es sollte für Neckartailfingen ein historisches Ereignis werden, wenn man sich von den beiden alten Schulhäusern feierlich verabschiedet und in ein nagelneues Schulhaus einziehen darf. Für alle Teilnehmer an diesem Festakt sollte dieser Tag eine unvergeßliche Erinnerung werden.

Der Tag hatte tatsächlich zwei Höhepunkte, die alle Neckartailfinger Bürger tief berührten. Da waren die Schulkinder aller Klassen, die erwartungsvoll und gut gelaunt ihre Abschiedslieder am Schulberg erklingen ließen. Da waren aber auch Jugendliche und Erwachsene, die ihre alte Schule liebten, weil sie in diesen Klassenräumen ihre ganze Schulzeit mit Höhen und Tiefen erlebten, so daß ihr Universitätlerherz wohl etwas trauriger reagierte.

Schulleiter Christian Hermann hielt die Abschiedsrede, stellte aber die großen Erwartungen an die neue Schule in den Vordergrund. Er sprach von den unvergleichbar schöneren Räumen in einer freien Umgebung und dem neuen Zuhause für alle jetzigen und zukünftigen Kinder aus Neckartailfingen. Herr Esslinger hatte für die Feierstunde am alten und neuen Schulhaus in vielen Wochen ein Schulorchester auf die Beine gestellt.

Er besorgte freiwilligen Spielern Geigen, Bratschen und Celli und gestaltete den feierlichen Festakt in der Pausenhalle der Schule mit einer Festmusik im klassischen Stil. Dies war ein beispielloser Höhepunkt dieser Schulhaus-Übergabe. Der Junglehrer Horst Hommel umrahmte mit seinem Schülerchor diese Feierstunde mit passenden mehrstimmigen Liedern. Herr Polonius führte mit seinen ABC-Schützen den festlichen Schülerzug vom alten zum neuen Schulhaus.

Grundschule

Den Höhepunkt bildete dann die Schlüsselübergabe von Herrn Bürgermeister Pfeiffer an den Schulleiter Herrn Hermann. Für die Schüler war sicher der Einzug in die neue Schule der spannendste Augenblick. Sie staunten nicht schlecht, als sie in Gedanken diese neuen Räume mit ihren alten Klassenzimmern verglichen. Jetzt wollten sie nicht mehr zurück! Für mich als Lehrkraft begann in dieser neuen Schule auch eine völlig neue Phase, denn nunmehr waren auch die äußeren Bedingungen des Lehrbetriebs optimal und konnten einen sichtbaren Fortschritt für Lehrende und Lernende nicht mehr aufhalten.